Jugendstil und Art Déco in Döbling

Art Déco ist die Fortsetzung des Jugendstils zwischen den beiden Weltkriegen. Die Architektur wird schwerer, blockhafter, aber nicht minder dekorativ. Die Eleganz der „goldenen Zeiten“ ist vorbei. Österreich schrumpft von über 50 Millionen Einwohnern zu 7 Millionen zusammen. Wirtschaftskrise und politischer Wandel drücken sich in dieser Variante des Jugendstils aus. Wir stehen vor dem Karl Marx Hof. Die ersten freien Wahlen ergeben einen Sieg der Sozialdemokratie. Dies ist der Ausgangspunkt der Reformen des „Roten Wien“. Dazu gehört auch die Lösung des Wohnungsproblems. Zwischen den beiden Weltkriegen werden 60.000 Wohnungen gebaut und die Stadt Wien ist nahezu der einzige Auftraggeber für Architekten. In Wien stehen bestens ausgebildete Architekten zur Verfügung, war doch Otto Wagner, der Bahnbrecher des Jugendstils, visionärer Lehrer der jungen Begabungen. Wo aber nimmt das 20. Jahrhundert seine Wurzeln her? Nicht aus den eleganten Villen schöpfen die neuen Bauauftraggeber ihre Impulse, aber vielleicht doch aus den Palästen früherer gesellschaftlicher Machthaber. Den jetzt muss die neue politische Stärke der Sozialdemokratie zum Ausdruck kommen mit monumentalen Bauwerken. Man sagte damals: „Die Wiener sind verrückt, sie bauen sich Burgen und Schlösser für ihre Arbeiter“. Und wahrlich Schlösser, wahrlich Burgen sind die Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit! Der Karl Marx Hof: ein roter Riegel der sich den feinen Döblinger Villenvierteln visavis entgegenstellt! 1 Kilometer Art Déco.

Eleganter geht es weiter oben zu: die Villa Knips, in der Josef Hoffmann Villa und Garten als Gesamtkunstwerk entworfen hat und die Villenkolonie Hohe Warte, die etwa wie die Mathildenhöhe in Darmstadt gedacht war, aber nicht vollendet werden konnte.

Ein kleiner „Ausrutscher“ in den Historismus liegt auf der Strecke: die orientalische Zacherlfabrik.

Zum Abschluss gibt es noch ein technisches Bauwerk von Otto Wagner, das sehenswert ist: das Nussdorfer Nadelwehr, das den Wasserstand zwischen Donau und Donaukanal regelt. Mächtige Pylonen mit kühnen Löwen geschmückt bilden das Widerlager der Wehrbrücke. Für Otto Wagner war diese Anlage als Tor zur Stadt gedacht, denn nur der Donaukanal berührt die Altstadt von Wien, die Donau fließt geflissentlich fast an Wien vorbei.

Die Führung wird teilweise zu Fuß und teilweise mit öffentlichen Verkehrsmitteln gemacht, daher ist eine Tagesnetzkarte mitzubringen.

Treffpunkt: Endstation der U4 Heiligenstadt Ausgang 12. Februar Platz